Programm Übersichtsplan

Programm Freitag

Wolfgang Fritz Haug: Was nützt Das Kapital von Marx zur Erklärung der Grossen Krise des transnationalen Hightech-Kapitalismus?

Zeitpunkt: 11:15 – 13:00

Geradezu legendär sind Wolfgang Fritz Haugs „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital‘“. Aber der Satz des Erasmus von Rotterdam, Professoren, die sich einig sind, gebe es „nicht, außer bei einer Verschwörung“, gilt auch für die Kapital-Lektüre. Das im Juni 2013 erschienene Buch von Wolfgang Fritz Haug „Das ‚Kapital‘ lesen aber wie?“ zeigt den Autor nun im theoretischen Ringen mit anderen Lesarten des „Kapital“. Ausgehend von der kommunistischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts, wie sie sich in der Marxkritik von Adolf Dresen und Peter Ruben zum Ausdruck kommt, holt Haug die weiter wirkenden Thesen der Althusser-Schule auf den Prüfstand, setzt sich mit der so genannten „Neuen Kapital-Lektüre“ und besonders gründlich mit der „logischen Kapital-Lektüre“ und der weltweit einflussreichen Kapital-Lektüre von David Harvey. Im Kern aber geht es um den „philosophischen Boden“, von dem aus Kapitallektüre erst fruchtbar wird zu dem, was Lenin die „lebendige Seele“ des Marxismus genannt hat: der „konkreten Analyse der konkreten Situation“. Haug findet den Schlüssel zu ihr in Marx’ dialektischer Methode, die er im Lichte von Gramscis Philosophie der Praxis von den „metaphysischen“ Verkrustungen befreit.

Weitere Infos zu Wolfgang Fritz Haug: http://www.wolfgangfritzhaug.inkrit.de/

Kann leider nicht stattfinden Daniel Mullis: Neoliberalisierung des Städtischen: Ökonomisierung, Austerität und Repression.

Zeitpunkt: 13.00 – 15.00

Städte sind heute mehr denn je zu zentralen Arenen sozialer Auseinandersetzungen geworden, gleichzeitig spielen sie als Ort der Kapitalakkumulation und -fixierung ökonomisch eine zentrale Rolle. Der seit den 1970ern politisch vorangetriebene Prozess der Neoliberalisierung und die damit einhergehende Deregulierung und Flexibilisierung sowie der Rückbau der sozialen Sicherung hat die Kommunalverwaltungen in ein neues Handlungskorsett gezwängt, an dessen Herstellung sie aber wesentlich beteiligt waren. Kreative Stadt, Aufwertung, Standortmarketing sind die Schlagworte dieser Veränderung und verweisen einerseits auf neue Möglichkeiten städtischer Politiken, andererseits aber auch auf einen verschärften Wettbewerbsdruck der unmittelbar auf die soziale Polarisierung durchschlägt und diese verschärft. Was Finanzmärkte mit Städten zu tun haben, warum Gentrifizierung mit Repression zusammenhängt und was ein Recht auf die Stadt bedeuten kann, soll im Rahmen der Veranstaltung thematisiert werden.

Sabrina Habel: Poesie, die keine Ausbeutung ist.

Zeitpunkt: 13.00 – 15.00

Ankündigung folgt

Catherine Villanueva: Der Streik des Spitalpersonals bei La Providence (NE): Der Beginn eines neuen Kampfzyklus?

Zeitpunkt: 13.00 – 15.00

Ende 2012 streikte eine Minderheit der Beschäftigten im Spital La Providence in Neuchâtel gegen die Kündigung des Gesamtarbeitsvertrages und für bessere Arbeitsbedingungen. Nach über 100 Tagen wurden die Streikenden fristlos entlassen, ohne dass ihre Forderungen durchsetzen konnten. Der Streik wurde durch die Ankündigung der Übernahme des Spitals durch GSMN (Genolier Swiss Medical Network) ausgelöst und weist auf das vermehrte Eindringen privater Investoren in das Gesundeits- und Spitalwesen hin. Der workshop geht auf die Hintergründe der Mobilisierung ein und situiert den Streik in den Kontext der Umstrukturierung des Gesundheitswesens einerseits und der Arbeitskämpfe in der Schweiz andererseits. Mit Catherine Villanueva (ehemalige Pflegerin des Spitals La Providence) und Maurizio Coppola (Netzwerk Arbeitskämpfe).

Heinz Jürgen Voss: Queerfeministische Kapitalismuskritik – Queer und (Anti-)Kapitalismus.

Zeitpunkt: 15.00 – 17.00

Die «Erfolgsgeschichte» der bürgerlichen Homo-Emanzipation in den westlichen Industriestaaten fällt mit der neoliberalen Transformation der Weltwirtschaft zusammen. Wäh-rend vor allem weiße schwule Männer Freiheitsgewinne verbuchen, kommt es zu einem entsolidarisierenden Umbau der Gesellschaft, verbunden mit zunehmend rassistischen Politiken im Innern; zugleich dient der «Einsatz für Frauen- und Homorechte» als Begründung für militärische Interventionen im globalen Süden. Dabei waren es schon 1969 in der New Yorker Christopher Street «[S]chwarze und Drag Queens/Transgender of colour aus der Arbeiterklasse», die den Widerstand gegen heteronormative Ausgrenzung und Gewalt trugen und «sich in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-] Lesben ‹queer› nannten, lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten» (Jin Haritaworn). Doch auch hierzulande sind es die queer People of Color, die aktivistisch wie theoretisch gesamtgesellschaftliche Perspektiven jenseits des gängigen Homonationalismus entwickeln. Hierauf aufbauend diskutiert Voss die Veränderungen der Geschlechter- und sexuellen Verhältnisse der Menschen unter zeitlich konkreten kapitalistischen Bedingungen.

Bernard Schmid: Die Mali-Intervention: Befreiungskrieg, Aufstandsbekämpfung oder neokolonialer Feldzug?

Zeitpunkt: 15.00 – 17.00

Das offene militärische Eingreifen Frankreichs in Mali ab Januar 2013 stellt eine in vielfacher Hinsicht außergewöhnliche Intervention dar, und steht am Knotenpunkt vielschichtiger Probleme. Es handelt sich um den militärischen Feldzug eines notorisch als Neokolonialmacht bekannten Landes, der dennoch – in diesem konkreten Fall – vielfach von der Bevölkerung in Mali und Westafrika beklatscht und begrüßt wurde. Die Djihadisten, die Nordmali seit April 2012 kontrolliert hatten, wurden vom Gutteil der Bevölkerung Malis ihrerseits als « Invasoren » betrachtet. Aber auch tiefsitzende Konflikte zwischen der Mehrheitsbevölkerung in Südmali und den im Norden lebenden Tuareg, denen vielfach ihre Vergangenheit als Sklavenhalter (für die dominierenden Familien unter ihnen) vorgehalten wird, vermischten sich mit der Problematik. Eine von einigen Tuareg gebildete bewaffnete Separatistenbewegung, der MNLA, hatte sich Ende 2011 gebildet und im ersten Halbjahr 2012 vorübergehend an der Seite der Djihadisten gekämpft, bevor die taktischen Verbündeten in Konflikt miteinander gerieten.
Die Intervention wurde zum Teil als Korrektur von Entwicklungen präsentiert, die durch die vormalige französisch-britische Intervention in Libyen (2011) und die danach erfolgende Verbreitung von Waffenarsenalen über die Region mit ausgelöst worden waren. Zugleich wirft sie neue Probleme auf. Inzwischen ist nicht mehr absehbar, wann die Intervention respektive die militärische Präsenz in Mali enden soll. Zumal sich abzeichnet, dass trotz der Präsenz einer UN-Truppe von rund 12.000 SoldatInnen – die zur « Stabilisierung » Malis dienen soll – auch weiterhin eine eigenständige französische Streitmacht längerfristig im Land bleiben soll. Die Rede ist von mindestens 1.000 Militärs mit « antiterroristischer » Mission und « robustem » Kampfauftrag; im Augenblick stehen noch fast 3.000 französische Soldaten dort.
Im August 2013, mit der relativ reibungslos ablaufenden Präsidentschaftswahl und der Wahl eines neuen Staatsoberhaupts mit mit 77prozentiger Mehrheit, schien sich die Lage in Mali stabilisiert zu haben. Doch Anfang Oktober sieht die Situation bereits wieder anders aus: Die Gespräche zwischen der Zentralregierung in Bamako und den MNLA-Separatisten, die statt der vormaligen Unabhängigkeitsforderung nunmehr jene nach Autonomie und einem Sonderstatus des Nordens verfechten, platzten, und der MNLA entfernte sich vom Verhandlungstisch. (Vorübergehend, denn die Gespräche wurden am 05. Oktober wieder aufgenommen.). Gleichzeitig finden nach mehrmonatiger Pause neue djihadistische Attentate im Norden statt, wie am 25. September in Tombouctou. Und in der Region Bamako kommt es zu Kämpfen innerhalb der Armee, wo es nach wie vor brodelt, nachdem junge Offiziere – unterstützt auch von einem Teil der Linken – im März 2012 die damalige alte Regierung weggeputscht hatten-; ihre Einbindung in die derzeitige Übergangsregierung scheint ebenfalls gescheitert.
Auf diese Fragestellungen aufbauend präsentiert Bernard Schmid, der sich zuletzt im August 2013 kurz vor und nach dem Ausgang der Präsidentschaftswahl in Mali aufhielt, seine Analyse der Ereignisse dort und stellt sie in einen gesellschaftlichen Kontext.

Sarah Schilliger: Care & Migration. Neue Formen kapitalistischer Landnahme im Privathaushalt.

Zeitpunkt 17.00 – 19.00

Folgt

Tomasz Konicz: Der Krisenimperialismus des 21. Jahrhunderts.

Zeitpunkt 17.00 – 19.00

Nichts neues in der imperialistischen Weltarena? Die zunehmenden nationalen und chauvinistischen Spannungen in Europa, die Interventionen des „Westens“ in Libyen, sowie die Auseinandersetzungen um eine etwaige Intervention in Syrien könnten den Schluss nahelegen, dass wir einer Ära des Neoimperialismus leben, in der die Zentren des kapitalistischen Weltsystems gegenüber der Peripherie ähnliche Ausbeutungs- und Unterdrückungsstrateigen verfolgen, die schon Lenin vor mehr als 100 Jahren anprangerte. Im Referat soll hingegen in Abgrenzung zu solch traditionalistischen Vorstellungen der Begriff des Krisenimperialismus entfaltet werden, bei dem die veränderten Formen wie auch Zielsetzungen imperialer Interventionspolitik mit der fundamentalen Krise des kapitalistischen Weltsystems in Zusammenhang gebracht werden. Die scheinbar allmächtige westliche Interventionsgemeinschaft entpuppt sich somit bei näheren Hinsehen als eine zusehend widersprüchlich agierende Gruppe von finanziell klammen Weltordnungspolizisten, die mit desperater Brutalität ein in Auflösung befindliches Weltsystem aufrecht zu erhalten versuchen, das an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht.

Athanasios Karathanassis: Kapitalismus, Wachstum und Naturzerstörung. Einblicke und Ausblicke aus politisch-ökonomischer Sicht.

Zeitpunkt: 20.00 – 21.30

Wenn von Naturzerstörungen, vom Klimawandel oder Umweltschutz die Rede ist, geht es sowohl in öffentlichen Diskursen als auch im wissenschaftlichen Mainstream zumeist um Fragen der technischen „Beherrschbarkeit“ von Natur, wobei insbesondere die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz thematisiert wird, um politische Forderungen oder um normative und moralische Leitbilder, aus denen die Schonung der Natur folgen soll.
Eine zumeist ausgeblendete oder verkürzt gestellte, aber unerlässliche Frage ist die nach den politisch-ökonomischen Ursachen bisheriger Naturzerstörungen oder anders gefragt: In welchem Zusammenhang steht die Praxis des kapitalistischen Systems und die ihr zu Grunde liegenden Logiken mit den gegenwärtigen Prozessen des Naturraubbaus und der Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen?